Unterrichtsfach Werte und Normen

Christel Hasselmann

Das niedersächsische Unterrichtsfach “Werte und Normen” - Zwischen Ideal und Wirklichkeit

Welche Anforderungen werden an eine ethische Erziehung in der Schule gestellt?

Meine erste These dazu lautet:

Die Auswirkungen des häufigen Versagens elterlicher Erziehung muss die Schule tragen.

Die traditionelle Vater-Mutter-Kind-Familie gibt es immer seltener. Immer mehr Familien zerbrechen. Was auch immer im Endeffekt die Ursachen dafür sind, dass traditionelle Werte an die jüngere Generation nicht weitervermittelt werden - Tatsache ist: Es gibt immer mehr Kinder, denen Werte wie z.B. "Ehrlichkeit", "Solidarität", "Fairness" fremd sind und die infolgedessen auch bei bestimmten Handlungen kein Unrechtsbewusstsein empfinden. Man spricht deswegen nicht nur von einem Werteverfall, sondern mittlerweile von einer steigenden "sittlichen Verwahrlosung" Heranwachsender. Wenn Heranwachsende keine Werte-Orientierung von denen, die sie eigentlich erziehen müssten, erfahren, werden sie diese Orientierung anderswo suchen. Die Verherrlichung von Verbrechen und Normenverstößen in den Medien, Vermarktung der Sexualität, - ergänzt durch Drogenkonsum - tragen zu einem Individualismus bei - verstanden als einseitige Überbetonung der Interessen des Einzelmenschen - und zu einem Hedonismus - verstanden als einseitige Überbetonung von Lust, Vergnügen und Genuss als höchste Güter. Festzuhalten ist: Für diese Entwicklung tragen nicht diese Kinder die Verantwortung, sondern die Generation der Erwachsenen (wir also), die es versäumen der jüngeren Generation entsprechende Werte zu vermitteln und häufig egoistisch nur das eigenes Leben im Blick haben.

Als 1980 Autoren die ersten Rahmenrichtlinien für das Unterrichtsfach Werte und Normen erstellten - dazu gehören z.B. Prof. Peter Antes und Prof. Hans-Georg Geyer -, schrieben sie: Es "besteht die Gefahr, dass der Blick für den Grundbestand weitgehend anerkannter Grundwerte, der das friedliche Zusammenleben in unserer Gesellschaft ermöglicht, verlorengehen kann," deswegen müsse "Ziel des Unterrichts zunächst sein, den Grundbestand weitgehend anerkannter Grundwerte in seiner Bedeutung für den einzelnen und die Gesellschaft bewusst zu machen." (RRL für den Unterricht W+N, Hannover 1980, 5.) Die Autoren hatten die Tendenz, dass ethisches Basiswissen verloren geht, bereits vor Augen.

Seien wir uns über die Zukunftsaussichten dieser Gesellschaft im Klaren: Diese Heranwachsenden sind in etwa zehn Jahren selbst Erwachsene und die Eltern und die Lehrkräfte der nächsten Generation. Welches Wissen werden sie weitergeben? Und wie werden sie dann wiederum auf die folgende Generation einwirken?

Das häufige Versagen, das Desinteresse der elterlichen Erziehung und das Fehlen ethischer Vorbilder stellen an die Wertevermittlung der Schule immer höhere Anforderungen. Aber nicht, dass das alles wäre. Es sind mittlerweile noch weitere ethische Forderungen, die neben der traditionellen Wissensvermittlung an die Schule gestellt werden. Wir leben heute nicht mehr in einer monokulturellen und monoreligiösen Gesellschaft. Unser Kommunikationsradius ist größer geworden und die Welt ein "Weltdorf". Das zeigt uns nicht nur die EXPO in Hannover. Damit komme ich zur zweiten These: Die zweite Anforderung, die heute an Schule gestellt wird, ist die Befähigung zu interkulturellen und interreligiösen Verständigung. Damit ist das Einüben eines Perspektivenwechsels ebenso verbunden wie das Erkennen der eigenen Relativität.

Jahrhunderte lang, teilweise sogar Jahrtausende lang, hatten die Religionen eine dominierende und ehrwürdige Funktion in der Geschichte der Menschheit inne. Heute wird den Religionen nahegelegt, sich als eine Weltanschauung neben anderen zu begreifen. Selbst wer die Religionen ablehnt, wird sie auch heute als ernst zu nehmende, grundlegende, gesellschaftliche und existentielle Realität akzeptieren müssen. Auf der einen Seite bieten sie den Menschen Begründungen für die Rätsel der Welt, sorgen für Sinnstiftung und ethische Orientierung der Menschen und beantworten die vielfältigen Fragen des Lebens und Sterbens. Auf der anderen Seite werden Religionen in ihrer konkreten Erscheinung aber auch zur Quelle der tiefsten Meinungsverschiedenheiten und fanatischer Streitigkeiten zwischen den Menschen. Der Blick in Geschichte und Gegenwart zeigt, dass Religionen in vielen Konflikten als Mittel zum Zweck missbraucht werden und/oder sich missbrauchen lassen. Mit der Berufung auf Religion lassen sich Ansprüche leichter begründen, Gegensätze verschärfen, Gegner verteufeln und die eigenen gewaltbereiten Reihen schließen. Weltweit werden politische Reibungspunkte verstärkt religiös akzentuiert. Das zeigen beispielsweise der Krieg zwischen Serbisch-Orthodoxen und Katholiken sowie Muslimen auf dem Balkan, die Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten in Nordirland, das Pulverfass im Nahen Osten zwischen Juden und Muslimen, der Kaschmirkonflikt der Nuklearmächte Indien und Pakistan, bei dem sich Hindus und Muslime umversöhnlich gegenüberstehen, gewalttätige Auseinandersetzungen in Indonesien und auf den Philippinen zwischen Christen und Muslimen, usw. Es ist nicht zu übersehen, dass der soziale Friede der Zukunft in entscheidendem Maße von der Verträglichkeit der Religionen untereinander abhängt.

Der Club of Rome kommt zu dem Ergebnis: "Die globale Gesellschaft, auf die wir zusteuern, kann nur zustande kommen, wenn sie von moralischen und spirituellen Werten getragen und geordnet wird." Von unschätzbarem Wert ist dabei die Entdeckung des Theologen Prof. Dr. Hans Küng, dass es ein entscheidendes Minimum an Werten gibt, das die Weltreligionen gemeinsam haben - ein Weltethos. Dies zu lehren muss zu den Grundanforderungen gehören, die an Schule zu stellen sind, damit die Heranwachsenden erkennen, dass ein Dialog über die anstehenden globalen Probleme dieses Planeten auf einem ethischen Konsens möglich ist. (In die nds. Rahmenrichtlinien Werte und Normen für das Gymnasium von 1999 ist dies aufgenommen. Siehe S. 51).

Wir müssen uns bewusst machen, dass keine Religion mehr in einer "splendid isolation" lebt, die Pluralität eine nicht weg zu diskutierende Tatsache ist und wir zu lernen haben miteinander zu leben. Die Befähigung zu interkultureller und interreligiöser Kompetenz ist eine dringende und unverzichtbare Aufgabe der Erziehung in der Schule.

Zu den Schlüsselqualifikationen, die den Schülerinnen und Schülern zu vermitteln sind, gehört auch das Finden der eigenen Identität innerhalb dieser Kultur, in der wir leben. Dazu gehört ein Basiswissen über den kulturgeschichtlichen Zusammenhang der jüdisch-christlichen Tradition, um sich zur Selbstidentifikation der kulturellen Werte bewusst zu werden, als auch ein differenziertes Sachwissen, um ein rationales, aufgeklärtes Verhältnis zu den Weltreligionen aufzubauen, Distanz zu erkennen und abzubauen.

Aber das sind noch nicht alle Forderungen, die an die ethische Erziehung in der Schule gestellt werden. Hier kommen wir zur dritten These:

Die rasante Entwicklung der Wissenschaft stellt uns vor eine gewaltige Menge an Fragen, für deren Beantwortung die Heranwachsenden in der Zukunft vorbereitet werden müssen.

Große ethische Problemkomplexe wie Ökologie, Genetik, Medizin und Ökonomie fordern zu einer internationalen Zusammenarbeit auf. Wie werden eigentlich die Schülerinnen und Schüler auf diese auf sie zukommenden Probleme vorbereitet? Zum einen müssen sie lernen interkulturell und interreligiös dialogfähig zu sein, zum anderen müssen sie über ein gutes ethisches Basiswissen verfügen, um diesen Anforderungen gerecht zu werden.

Als ein Beispiel ließe sich die Genforschung anführen:

Das menschliche Erbgut ist nun zu 99% entziffert. Mit diesem Wissen könnte man vielleicht Erbkrankheiten heilen, aber auch den Menschen nach Maß züchten.

Der Art. 5 Abs. 3 GG garantiert die Freiheit für Kunst, Wissenschaft, Forschung und Lehre. Die Frage, die sich bei der rasanten Entwicklung der Forschung ergibt, ist: Dürfen wir eigentlich alles, was wir können? Welchen Stellenwert soll Forschung in den nächsten Jahrzehnten einnehmen? Hat Forschung Priorität vor dem Lebensrecht von Tieren und Menschen? Wollen wir zulassen, dass die Forschung den Menschen vom Subjekt zum Objekt degradiert? Welchen Wert sollen Menschen in Zukunft haben? Welchen Wert sollen Pflanzen und Tiere haben? Gibt es ethische Einwände, die bestimmte Bereiche der Forschung mit einem Tabu belegen?

Darf der Drang nach Vermarktung des Lebens, die Gier nach Profit grenzenlos sein? Welchen Stellenwert soll demgegenüber der Respekt und die Achtung vor dem Leben und der Würde von Lebewesen erhalten? Welche Orientierung bieten die Weltreligionen den Menschen mit ihrem Weisheitswissen in diesen Fragen?

Ist uns ausreichend bewusst, dass unsere Geisteshaltung - unsere Auffassung vom Leben und der Welt - in hohem Maße der entscheidende Faktor sein wird für die Zukunft der Menschheit, die Zukunft der Umwelt und die Zukunft der Erde? Unser Tun wird von unserem Denken bestimmt. Geht unser Lebensstil überhaupt in eine zukunftsfähige Richtung?

Ist uns ausreichend bewusst, dass wir die Verantwortung für alles tragen, was wir tun und all unsere Entscheidungen, Handlungen und Unterlassungen weitreichende Konsequenzen haben? Ob Kinder für den Krieg - wie in manchen Ländern Afrikas, im Iran und jüngst in Russland beschlossen - ausgebildet werden oder für ein besseres Verständnis und friedliches Zusammenleben auf der Grundlage der Menschenrechte - wie bspw. in der Bundesrepublik Deutschland -, wird sich auf die Geisteshaltung dieser jungen Generation und ihre Zukunft auswirken.

Wie Heranwachsende zu erziehen sind legt in der Bundesrepublik Deutschland der Bildungsauftrag fest, der sich in den Schulgesetzen aller Bundesländer in ähnlicher Formulierung wiederfindet. Danach hat Schule die Aufgabe die Persönlichkeit der Schülerinnen und Schüler auf der Grundlage des Christentums, des europäischen Humanismus und der Ideen der liberalen, demokratischen und sozialen Freiheitsbewegungen weiter zu entwickeln. Es müssen Wertvorstellungen vermittelt werden, die dem Grundgesetz und - in Niedersachsen - der Niedersächsischen Verfassung zugrunde liegen. Die Schülerinnen und Schüler sollen befähigt werden:

  • staatsbürgerliche Verantwortung zu verstehen und zur demokratischen Gestaltung der Gesellschaft beizutragen;
  • nach ethischen Grundsätzen zu handeln;
  • religiöse und kulturelle Werte zu erkennen und zu achten;
  • ihre Beziehungen zu anderen Menschen nach den Grundsätzen von Gerechtigkeit, Solidarität, Toleranz und Gleichberechtigung zu gestalten;
  • mit Menschen anderer Nationen und Kulturen zusammen zu leben;
  • ökonomische und ökologische Zusammenhänge erfassen;
  • Verantwortung für die Umwelt zu tragen, gesundheitsbewusst zu leben;
  • sich umfassend zu informieren und die Informationen kritisch zu nutzen und
  • sich im Berufsleben zu behaupten und das soziale Leben verantwortlich mitzugestalten.

Die Schule hat den Schülerinnen und Schülern die dafür erforderlichen Kenntnisse und Fertigkeiten zu vermitteln.

Aufgrund seiner Konzeption ist das Fach Werte und Normen wie kein anderes Fach in der Lage diese Ziele umzusetzen.

Hartmut von Hentig nennt Schule "die größte gesellschaftliche Veranstaltung unserer Kultur" und "Eine Brücke zwischen der kleinen und der großen Welt". Seine Thesen betreffen den Lebensraum Schule und zwei Erfahrungen, die man dort machen können soll: "Wir sind verschieden - wir wollen und dürfen es sein" und "Wir leben in Gemeinschaften, sind voneinander abhängig - das bedarf der Regelung". Von Hentig führt dazu aus, dass diese beiden Tatbestände nicht nur besonders wichtig und schwierig sind, sondern dass sie vor allem auch den Grundauftrag der Schule berühren.

Die gleiche Einstellung vertritt auch die Bildungskommission Nordrhein-Westfalen und stellt, angesichts der religiösen Pluralisierung, die sich in unterschiedlicher Intensität in einzelnen Schulen und Lerngruppen niederschlägt, die Forderung auf, ein schulisches Angebot zu schaffen, das die Fähigkeit zu interkultureller Verständigung entwickelt.

Die Notwendigkeit einer zeitgemäßen Richtungsänderung in der Erziehung wird durchaus von verantwortlichen Institutionen gesehen. Gemäß der Forderungen des Europarates ist auf ein "besseres und tieferes Verständnis der jeweils anderen Religionen hinzuwirken". Es seien "interreligiöse Begegnungen und Organisationen zu fördern, die dem Verständnis der Religionen untereinander und somit dem Frieden und der Achtung der Menschenrechte dienen." Bildungsziel sei eine Weltbürgerschaft. Darunter ist die Bereitschaft zu verstehen, "über die Welt zu lernen, an ihr teilzuhaben, mitverantwortlich zu sein und für sie zu handeln". Man wird dafür einen Unterricht benötigen, der für das Verstehen und Verstandenwerden der Kulturen und Religionen Sorge trägt. Festzuhalten ist, dass diesen Ansprüchen nur ein überkonfessioneller, weltanschaulich neutraler Unterricht genügen wird, in dem Heranwachsende verschiedener Kulturen und Religionen nicht übereinander, sondern miteinander reden. Als erstrangige Werte wurden vom Europarat "Menschenrechte, Friedfertigkeit, Toleranz und Respekt gegenüber Menschen anderer Herkunft" eingestuft, ergänzt durch ein "globales Bewusstsein, das die Notwendigkeit einer umweltverträglichen Entwicklung einschließt", aber auch die "Herausbildung einer gesunden, kollektiven Selbstachtung und einer gesicherten, eigenen Identität". Um zu lernen, mit Menschen anderer Kulturen und Religionen in einen fruchtbaren Kontakt zu treten, brauchen die Heranwachsenden religionswissenschaftlich ausgebildete Fachlehrkräfte - Dolmetscher in Sachen Weltreligionen und Weltanschauungen.

Interreligiöses Lernen ist im Sinne des Club of Rome innovatives Lernen. Es konzentriert sich auf drei Vorstellungen:

  1. die Wissenserweiterung angesichts der Veränderungen in der Welt und Berücksichtigung der Weisheiten der Weltreligionen,
  2. die Identitätsbildung als Reflexionsfähigkeit,
  3. die Dialogfähigkeit, gekoppelt mit einer einhergehenden Handlungskompetenz.

Dem tradierten Lernen wird vom Club of Rome ein anderer Stellenwert beigemessen: "Tradiertes Lernen ist wichtig, aber unzureichend." Kritik an den bisherigen Inhalten von Schule äußert ebenfalls Wolfgang Brezinka. Die Schulen wurden seiner Meinung nach den Wissenschaftsgläubigen ausgeliefert, statt der Erziehung zur Lebenstüchtigkeit zu dienen und damit auch der Wertungssicherheit. "Es wurde vergessen, dass die Menschen nicht nur Wissen brauchen, sondern auch inneren Halt." Und Altbundespräsident Roman Herzog forderte 1997: "Wir brauchen den Mut, Werte offensiver in die Bildung einzubauen".

Seit den 70er Jahren gibt es in fast allen Bundesländern aufgrund verfassungsrechtlicher Vorgaben unter verschiedenen Namen ein Unterrichtsfach als Ersatz für den kirchlich gebundenen Religionsunterricht. In den meisten Bundesländern heißt es "Ethik", in Nordrhein-Westfalen "Praktische Philosophie" (Modellversuch) und in Niedersachsen "Werte und Normen".

Reisen wir nun nach Niedersachsen und sehen wir uns den einzigen Unterricht Werte und Normen Deutschlands an. Das Fazit möchte ich schon einmal vorwegnehmen: Einen Zauberstab haben wir auch nicht - aber ein diskutierwürdiges Modell ethischer Erziehung, das nicht nur bundesweit einmalig ist.

Was ist das Besondere am Unterricht Werte und Normen?

Es lässt sich in fünf Punkten zusammenfassen, auf die dann einzugehen ist:

  1. Sein Name.
  2. Seine Definition im niedersächsischen Schulgesetz.
  3. Seine Bezugswissenschaften.
  4. Sein juristischer Hintergrund.
  5. Sein universitärer Studiengang.

1. Sein Name:

Dazu bedarf es der Beantwortung der Frage: Was sind eigentlich "Werte" und "Normen"?

Normen sind Wegweiser, Regeln, Gebote, Verbote, Gesetze, Absprachen, Vorschriften u.ä., die dem Menschen für das Zusammenleben mit anderen eine Orientierung geben und festlegen, was er machen soll und was nicht. Sie sind für das friedliche Zusammenleben in einer sozialen Gemeinschaft unverzichtbar. Sie sichern das Zusammenleben. Ethische Gebote und Verbote, Pflichten und Vorschriften gab und gibt es in allen Religionen und Kulturen der Erde. Sie richten das Verhalten der Menschen aus und schreiben Verhaltensweisen vor. Sie machen das Verhalten der Individuen auch für andere vorherseh- und berechenbar. Konfliktverursachende Faktoren lassen sich durch die Festlegung von Vereinbarungen beseitigen. Klare Absprachen und Regeln geben dem Menschen Sicherheit und helfen ihm, sich im Leben zurechtzufinden.

Jede soziale Norm dient als Schutzhülle für einen oder sogar mehrere Werte. Soziale Werte sind zu verstehen als soziale Objekte, die aufgrund ihrer sachlichen Beschaffenheit für den Fortbestand einer sozialen Gemeinschaft positiv bedeutsam sind. Für meine Schülerinnen und Schüler habe ich versucht die Beziehung zwischen Werten und Normen bildlich auszudrücken. Es ist ein Bild, das sie normalerweise nicht wieder vergessen: Werte und Normen verhalten sich wie das glänzend-edle Innere einer Kastanie (der Wert) zu seiner stacheligen Schale (der Norm).

Zwei Beispiele sollen das Verhältnis verdeutlichen:

Normativ ist z.B.: Du sollst nicht morden. Das ist eine uralte Norm. Der darin enthaltene Wert ist der Wert des Lebens.

Normativ ist auch: Du sollst nicht dopen. Die darin enthaltenen Werte sind: Der Wert der Gesundheit und der Fairness (Achtung vor der Leistung anderer).

Wenn der Wert in einer Gesellschaft gilt, bräuchte man die Norm nicht mehr.

Durch seinen Namen "Werte und Normen" erhält das niedersächsische Unterrichtsfach ein eigenes Profil, das durchaus seine Vorzüge hat. Erstens lässt schon die Bezeichnung "Werte und Normen" in weiten Teilen auch ohne nähere Erläuterung an das denken, was hier vermittelt werden soll, und zweitens lässt sie die inhaltliche Ausgestaltung durch den Gesetzgeber zu, mit der er auch auch klar sagt, was er mit diesem Fach erreichen will - und damit mindestens implizit auch, was er nicht will. Bezeichnungen wie "Philosophie" und "Ethik" sind demgegenüber durch ihre lange Tradition in der Wissenschaftsgeschichte so festgelegt und belastet, dass das Ersatzfach durch ihre Benutzung einseitig begrenzt ist und den Bedürfnissen der Schule nur ungenügend entgegenkommt.

2. Seine Definition im niedersächsischen Schulgesetz.

Vom gesellschaftlichen Bereich her stellt sich nun die Frage: Nach welchen Spielregeln sollen wir denn - trotz aller Wertepluralität - in unserer Gesellschaft zusammenleben? Gibt es Gemeinsamkeiten, einen Minimal-Konsens?

Das Unterrichtsfach Werte und Normen weist insofern eine Besonderheit auf, als es das einzige Fach im niedersächsischen Schulgesetz ist, das inhaltlich definiert ist. Gerade mit dieser Definition ist eine richtungsweisende und unmissverständliche Werteerziehung vorgegeben, die nicht der Beliebigkeit unterworfen ist.

Es heißt im § 128 Abs. 2 NSchG:

"Im Fach Werte und Normen sind religionskundliche Kenntnisse, das Verständnis für die in der Gesellschaft wirksamen Wertvorstellungen und Normen und der Zugang zu philosophischen, weltanschaulischen und religiösen Fragen zu vermitteln." Dieser Paragraph setzt also fest, dass im Werte und Normen-Unterricht drei Bereiche zu vermitteln sind: a) religionskundliche Kenntnisse, b) Verständnis für die in der Gesellschaft wirksamen Wertvorstellungen und Normen (damit sind die Grund- und Menschenrechte gemeint, die - und das ist wichtig - nicht diktatorisch-absolut gesehen werden, sondern durch die Vermittlung des Verständnisses wird die Richtung vorgegeben) und c) Zugang zu philosophischen, weltanschaulichen und religiösen Fragestellungen.

In den Lehrplänen für W+N heißt es:

"Im Unterschied zum Religionsunterricht trägt der Staat die alleinige Verantwortung für den Unterricht im Fach Werte und Normen. Um der Wahrung der Freiheit des Glaubens, des Gewissens und des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnissses willen (Art. 4 Abs. 1 GG) verlangt er deshalb die weltanschauliche und religiöse Neutralität des Faches." Das von unserer Verfassung vorgestellte Menschenbild ist Ausdruck dieser Tradition, ist Ausdruck der abendländischen Kultur. Der Inhalt des Werte und Normen-Unterrichts orientiert sich also an den Wertvorstellungen der Verfassung und an dem gesetzlich normierten Erziehungs- und Bildungsauftrags. Darüber hinaus bemüht sich der Unterricht um das Verstehen der die westlichen Gesellschaftsordnungen prägenden Religionen als Wert- und Sinnträger und das "Kennenlernen anderer Lebensordnungen einschließlich ihrer kulturellen und religiösen Voraussetzungen zur Erweiterung der eigenen Wahrnehmungsfähigkeit" und um die Befähigung zur ethischen Urteilsbildung.

3. Seine Bezugswissenschaften.

Aus der Definition des Unterrichts Werte und Normen lassen sich die drei Bezugswissenschaften ableiten, die das Fach tragen: Religionswissenschaft, Philosophie und Gesellschaftswissenschaften.

In diesem Punkt unterscheidet sich das Fach grundlegend von den anderen Ersatzfächern zu Religion. Ethik und Praktische Philosophie haben nur die Philosophie als Bezugswissenschaft.

Die drei Bezugswissenschaften des Unterrichts Werte und Normen ergänzen einander: Mittels philosophischer Fragestellung lassen sich die anderen beiden Bezugswissenschaften eröffnen bzw. erweitern. Beispielsweise fragen wir: "Was sollen wir tun?" wenn wir sowohl religionskundliche Kenntnisse als auch Verständnis für die Grundwerte und Normen unserer Verfassung vermitteln wollen. "Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit" so steht es im Grundgesetz Art. 2. Das verstehen schon die ganz Kleinen und sind tief beeindruckt davon, dass Erwachsene ein Gesetz haben, dass auch sie, die Kleinen, auf dem Schulhof vor gewalttätigen Übergriffen schützen soll. Gleichzeitig erfahren sie aber auch, dass Gewaltausübung tabu sein soll. Wenn sie dann noch schrittweise lernen, dass der Schutz des Lebens obendrein nicht nur im Christentum oder Islam gilt, sondern in allen Religionen normativ festgelegt ist, dann glaube ich, wirkt dieses Wissen richtungweisend in der Werteorientierung. Die Heranwachsenden können das Phänomen Religion als Schlüssel zur Ergründung der Geheimnisse dieser Welt kennenlernen. Sie finden Identität und Antworten auf die Frage: Warum ist diese Welt so und nicht anders? Sie lernen bei den Kernproblemen der Menschheit auch das Weisheitswissen der Weltreligionen zu befragen und sich Orientierung zu holen. So untersuchen sie die Antworten auf Fragen wie: Was sagen die Weltreligionen zu den Umweltproblemen? Was zur Friedensproblematik? Was zu Tod und Sterben? Was zum Verhältnis von Mann und Frau, zur Familie, zum Umgang mit alten Leuten? Was sagen sie zum Umgang mit den Schwachen der Gesellschaft: den Armen, Kranken, Behinderten, Alleinstehenden, Fremden, Außenseitern? Was gilt als kriminell? Was sagen sie zur Sexualität, zu sexuellem Missbrauch? usw. Und sie lernen, dass zwar viele Menschen den Blick für den in unserer Gesellschaft bestehenden Konsens, den Grund- und Menschenrechten, verloren haben, dass es aber lohnt, sich mit unseren Werten wie Menschenwürde, dem Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, Freiheit, Gerechtigkeit, Toleranz, Gewaltlosigkeit, Solidarität, sozialer Gerechtigkeit u.a. auseinanderzusetzen, denn sie sind wesentliche Elemente der unser Handeln und Denken prägenden abendländischen Kultur. Wie zu sehen ist, beschäftigt sich der Unterricht Werte und Normen - ausgehend von den aktuellen Fragen und Problemen der Gegenwart - sowohl mit geschichtlichem und interreligiösem Hintergrundwissen als auch mit möglichen Zukunftsvisionen.

Die Themenbereiche des Unterrichtsfaches Werte und Normen umfassen das persönliche Leben ebenso wie auch das Zusammenleben mit anderen, das Leben in der Gesellschaft, das Leben in der Einen Welt und das Leben in und mit der Natur.

4. Sein juristischer Hintergrund.

Die derzeitige gesetzliche Regelung, die keine Parallele in einem anderen Bundesland hat, ist nur historisch zu verstehen. Der Schlüsselbegriff zum Verständnis der komplexen Entwicklung dieses Faches heißt "Religionskunde". An dieser Stelle entstehen häufig Missverständnissse durch die Verwechslung oder Gleichsetzung von "Religion" mit "Religionskunde" und mit "Religionswissenschaft".

Dies möchte ich näher erläutern:

Während sich für Religionskunde als Bezugswissenschaft die Religionswissenschaft ausweist, ist die Theologie die Basis des Faches Religion. Im Gegensatz zur Theologie arbeitet die Religionswissenschaft überkonfessionell und unabhängig. Sie enthält sich letztlich der Option für den Wahrheits- und Heilsanspruchs einer Religion. Ziel ist das Verständnis für die jeweils besprochene Religion, nicht ihre Akzeptanz wie im Fach Religion. Auch die persönliche Überzeugung von der Existenz oder Nichtexistenz von Gott oder Göttern ist für die religionswissenschaftliche Arbeit ohne jegliche Bedeutung. Vergleichbar sind Religionswissenschaftler mit Simultandolmetschern und Fremdenführern, nur, dass sie zwischen den Religionen fungieren.

Aber wieso reden wir hier über "Religionskunde", wenn das Fach "Werte und Normen" heißt?

Eine Bestimmung über den religionskundlichen Unterricht wurde erstmalig 1954 in das "Gesetz über das öffentliche Schulwesen" aufgenommen. Die Freireligiösen zeigten Ende der 60er Jahre daran Interesse und wollten für Kinder der eigenen Gemeinschaft und für andere, nicht der evangelischen oder katholischen Kirche angehörenden Kinder, einen dem Religionsunterricht gleichwertigen, "nicht konfessionell gebundenen, objektiven, auf wissenschaftlicher Grundlage erteilten" Unterricht als Bestandteil der staatlichen Schule erhalten. 1970 schlossen die Freireligiöse Landesgemeinschaft Niedersachsen (aufgegangen in "Freie Humanisten Niedersachsen", heutiger Name: "Humanistischer Verband Niedersachsen") und das Land Niedersachsen einen Staatsvertrag ab, in dem festgelegt wurde, dass neben dem konfessionellen Religionsunterricht ein religionskundlicher Unterricht eingerichtet werden soll. Aufgrund der Rechtslage wurde Religionskunde ordentliches Lehrfach, d.h. ein reguläres Fach der Stundentafel mit im Zeugnis zu erteilenden Noten. Es folgte die Einrichtung einer entsprechenden universitären Lehramtsausbildung für Religionskunde.

1974 wurde - auf Wunsch der Kirchen - für die Schülerinnen und Schüler, die weder den Religionsunterricht noch den Religionskunde-Unterricht besuchen wollten, das Fach Werte und Normen eingerichtet. Das war einmalig in der Bundesrepublik. Es gab nun zwei Ersatzfächer zu Religion: Religionskunde und Werte und Normen. 1993 wurden beide Fächer unter dem Namen Werte und Normen zusammengelegt, und Werte und Normen erhielt seine heutige inhaltliche Prägung.

Der Unterricht Werte und Normen beginnt vom 5. Schuljahrgang an. Die Gruppenstärke muss mindestens 12 Schülerinnen und Schüler betragen. Zur Teilnahme am Unterricht Werte und Normen waren bis zum Jahre 2003 zwei Gruppen verpflichtet: einmal die "Religionsflüchtlinge", das sind die, die vom Religionsunterricht schriftlich abgemeldet wurden und ferner die Konfessionslosen, also diejenigen, die keiner Religionsgemeinschaft angehören. Nicht zur Teilnahme verpflichtet waren diejenigen, für die Religionsunterricht ihrer eigenen Religionsgemeinschaft nicht angeboten werden konnte, weil die Mindestschülerzahl nicht erreicht wurde oder weil keine Lehrkräfte zur Verfügung standen. Dies galt als sogenannte Schutzklausel, um zu verhindern, dass einige Schulen durch Nichteinrichtung von Religionsunterricht die Schülerinnen und Schüler in den Unterricht Werte und Normen "umlenken". Das hatte aber konkret zur Folge: erstens, dass, wenn kein Religionsunterricht stattfand, dann - wegen des Abhängigkeitsverhältnisses - auch der Unterricht Werte und Normen gestrichen wurde. Zweitens, dass gerade die zugewanderten Kinder und Jugendlichen wie Muslime, Russisch-Orthodoxe u.a., für die unser Werte- und Normensystem fremd ist, es nicht im Unterricht Werte und Normen kennenlernen konnten, weil sie vom Unterricht befreit wurden. Es sei denn, sie nahmen freiwillig teil. Mit anderen Worten - sehr vereinfacht - ausgedrückt: Weil die Kirchen den Schulen misstrauen, wurden alle Kinder, die anderen Religionen angehören, vom Werte und Normen-Unterricht befreit. Eine gesetzliche Änderung des Paragraphen 128 sieht nun endlich auch die Teilnahme der Muslime und Kinder anderer Religionen vor. Für evangelische und katholische Schülerinnen und Schüler gilt die verpflichtende Teilnahme am Unterricht Werte und Normen erst nach einem Jahr, wenn sie aus bestimmten Gründen keinen Religionsunterricht erhalten können.

Werte und Normen ist auch als Abiturfach vorgesehen, sobald entsprechend ausgebildete Lehrkräfte zur Verfügung stehen.

5. Sein universitärer Studiengang.

Nachdem es seit 1970 einen universitären Lehramtsstudiengang Religionskunde (für Haupt- und Realschule) an der Universität Hannover gab, der dann während der Referendariatsausbildung für die Erteilung des Faches Werte und Normen qualifizierte, wurde dieser Studiengang 1998 geschlossen, aber sogleich ein regulärer universitärer Studiengang Werte und Normen - mit den drei Bezugswissenschaften Religionswissenschaft, Sozialwissenschaft und Philosophie - ebenfalls an der Universität Hannover - eingeführt. Neu ist, dass das Studium Werte und Normen jetzt für alle Lehrämter angeboten wird.

An der Universität Göttingen wurde im Wintersemester 2001/2002 der Studiengang Werte und Normen für das Lehramt an Gymnasien eingerichtet. Allerdings wurde hier die Religionswissenschaft durch die Theologie ersetzt. Protestschreiben verschiedener Verbände an die oberen Schulbehörden waren erfolgreich.

Zur realen Situation

Die Gewalterscheinungen der Gegenwart und die sich abzeichnende Entwicklung in Richtung hemmungsloserer Gewaltausübung der Jugendlichen machen das Versagen in Sachen Erziehung deutlich. Natürlich sind die Eltern hier gefordert, dafür die Verantwortung zu übernehmen. Es ist aber zu fragen, ob diese Entwicklung nicht auch eine Folge der Erziehungs- und Bildungspolitik der Bundes- und, vor allem in Niedersachsen, der niedersächsischen Landesregierung ist. Sind in Bezug auf Werteerziehung in den letzten Jahrzehnten die vorhandenen Möglichkeiten genutzt worden? Seit den siebziger Jahren werden an der Universität Hannover und in einem nachfolgenden 1 1/2jährigen Referandariat Spezialisten für die schulische Werteerziehung ausgebildet. Selbstverständlich weiß das das niedersächsische Kultusministerium und auch die Bezirksregierung (heute "Landesschulbehörde"). Trotzdem wurde ausgerechnet dieser Lehrergruppe - als einziger - der Eintritt in den Schuldienst grundsätzlich verweigert, indem für das Fach Religionskunde und später für das Fach Werte und Normen jahrzehntelang keine Planstellen bereitgestellt wurden. Dafür wurden und werden immernoch aber bevorzugt Religionslehrkräfte für das Fach Religion eingestellt. Die Folge ist, dass das Fach Werte und Normen in der Regel durchgängig fachfremd, d.h. von nicht dafür ausgebildeten Lehrkräften unterrichtet wird. Erst seit 1998 wurden erstmalig Planstellen für Werte und Normen ausgeschrieben - und zwar von den Schulen direkt, die vor kurzem hinsichtlich der Stellenausschreibung mehr Kompetenzen erhalten haben. Es hat dreiundzwanzig Jahre gedauert, bis das Kultusministerium die offiziellen Stundentafeln der einzelnen Schulformen korrigiert und neben dem Fach Religion auch das Ersatzfach Werte und Normen aufgeführt hat - und das erst, nachdem der Fachverband Werte und Normen e.V. eine Petition im Landtag vorgelegt hat. Bis dahin existierte das Fach in der Stundentafel überhaupt nicht. Wie soll wohl die Glaubwürdigkeit einer Bildungspolitik zu bewerten sein, wenn in offiziellen Papieren des Kultusministeriums behauptet wird, es gebe keine Studiengänge für das Fach Werte und Normen (nachzulesen im Nds. SVBl 8/1999, S. 191)?

Ein Problem der derzeitigen Diskussion liegt darin, dass überwiegend aus Angst vor Machtverlust der Kirchen - nicht aber pädagogisch - argumentiert wird. Denn das Dilemma der geringen Ausgestaltung einer interkulturellen und interreligiösen Erziehung in Deutschland ist 1. das Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Religions- und seinem Ersatzunterricht, 2. der Anspruch der Kirchen auf das Monopol der religiösen Dimension in der Schule und 3. die mangelnde Einsicht, dass religiöse und interreligiöse Erziehung - gemäß ihrer doch so verschiedenen Intentionen - keine Konkurrenz zueinander darstellen (= 2 Paar Schuhe).

In den vergangenen Jahrhunderten der deutschen Schulgeschichte hatten die Kirchen mit dem konfessionellen Religionsunterricht den Schlüssel zur ethischen Erziehung und Bildung in der Hand. Heute haben sie ihn nicht mehr allein. Daneben existiert ein Ersatzfach, das sie selbst in den 70er Jahren wegen der Abmeldungen vom Religionsunterricht gefordert haben und das von ihnen zunehmend als ernste Konkurrenz wahrgenommen wird, obwohl es das aufgrund seiner Zielsetzung, die ich eben erläutert habe, gar nicht sein kann.

Es ist zu untersuchen, ob die Krise des Religionsunterrichts, die Eifersucht gegenüber seinem Ersatzfach Werte und Normen und die Behinderung seiner Ausgestaltung nicht zu einer ungenügenden staatlichen Werteerziehung und Kulturabbruch mittlerweile einer ganzen Generation geführt hat. Deswegen muss man fragen: Wann steht endlich die Sorge um die ethische Erziehung der heranwachsenden Generation im Vordergrund und nicht der Machtanspruch der Kirchen? Wann begreifen die Kirchen, dass weder die Einrichtung des Ersatzfachs in den 70er Jahren das Dilemma des Religionsunterrichts gerettet hat, noch dass Behinderungen oder gar Abschaffung des Ersatzfachs den Religionsunterricht retten werden? Die Ursachen für die steigenden Abmeldungen vom Religionsunterricht sind ausschließlich innerkirchlich und tiefer zu suchen. Hätten die Kirchen die Ausgestaltung des Ersatzfachs Werte und Normen unterstützt anstatt behindert, dann würde heute kein religiöser Analphabetismus zu beklagen sein. Dann würden heute nicht Fragen gestellt wie die Landesbischöfin Margot Käßmann einen Konfirmanden zitiert: "Was ist denn das für ein Pluszeichen da oben auf dem Kirchturm?" und dann würde von Zehnjährigen die Kirche nicht als "Versammlungsort der Muslime" bezeichnet werden, wie eine Befragung über religiöses Grundwissen in einer niedersächsichen Integrierten Gesamtschule im 5. Schuljahr ergeben hat. Die christlichen Kirchen hätten von einem guten religionswissenschaftlichen Unterricht profitiert, zumal wenn sie sich dafür eingesetzt hätten, dass dieser Unterricht vom 1. Schuljahr an verbindlich und losgelöst von Religion als weltanschaulich-neutrales Fach unterrichtet wird. Dann hätte dieser Unterricht nämlich alle erreicht, und alle Heranwachsenden würden über ein akzeptables christliches Grundwissen verfügen; dazu käme noch das anderer Religionen, das sie dann befähigt über die dringenden globalen Probleme unseres krisengeschüttelten Planeten miteinander zu reden.

Das Verwaltungsgericht Hannover (VGH) verwies 1997 die Klage eines konfessionslosen Schülers gegen die Pflicht zur Teilnahme am Unterricht Werte und Normen zur Klärung an das Bundesverfassungsgericht. Johann Bader, Richter am VGH, schrieb dazu einen Kommentar in der Zeitschrift Ethik & Unterricht (1/99, 39): "Neben der verfassungsrechtlichen Argumentation hat das VG Hannover aber auch in dankenswerter Klarheit aufgezeigt, was wahrer Zweck von obligatorischem Religionsersatzunterricht ist: nicht die Vermittlung von Werten, sondern die Verhinderung der Abmeldung vom Religionsunterricht. Trotz großer Worte und schöner Floskeln ist diese 'flankierende' Wirkung die eigentliche Funktion des Ersatzunterrichts. An einem gleichwertigen und guten Ethikunterricht, der dem Religionsunterricht Konkurrenz machen würde, sind die Religionsgemeinschaften nicht interessiert - und der Staat wohl auch nicht, wie das Beispiel Niedersachsen zeigt."

Die jüngste Generation muss mit einer Werteverwirrung zurechtkommen, deren Ausmaß kaum abzuschätzen ist. Über die Unterrichtsfächer Ethik und LER, sogar über den Unterrichtsversuch Praktische Philosophie in NRW, wird öffentlich diskutiert - nicht jedoch über das seit Jahrzehnten bestehende niedersächsische Unterrichtsfach Werte und Normen. Warum eigentlich nicht?