Stellungnahme zu den Einheitlichen Prüfungsanforderungen

Kultusministerin
Frau Dr. Elisabeth Heister-Neumann (persönlich)
Niedersächsisches Kultusministerium

und

Herrn MR Dr. Rolf Bade
Niedersächsisches Kultusministerium

Garbsen, den 28.3.2008

Stellungnahme zu den Einheitlichen Prüfungsanforderungen für die Abiturprüfung im Fach Ethik

Sehr geehrte Frau Kultusministerin Heister-Neumann, sehr geehrter Herr MR Bade,

bezugnehmend auf das Schreiben von Herrn Bade vom 05.02.2008 nimmt der Fachverband Werte und Normen wie folgt Stellung:

Der Fachverband Werte und Normen kommt zu dem Ergebnis, dass in den vorliegenden Einheitlichen Prüfungsanforderungen für die Abiturprüfung im Fach Ethik die Belange des Faches Werte und Normen sowohl juristisch als auch inhaltlich unzureichend berücksichtigt werden. Der Fachverband erhebt daher schwere Bedenken gegen die unbearbeitete Übernahme der EPA-Ethik für das Unterrichtsfach Werte und Normen.

 

Begründung:

    1. Die Bundes-EPA Ethik entsprechen wegen der sehr einseitigen Schwerpunktsetzung der Philosophie (besonders sichtbar in den Sach- und Methodenkompetenzen EPA S. 7f, sowie in der Aufführung der zahlreichen Prüfungsbeispiele einschließlich des Erwartungshorizonts für das schriftliche und mündliche Abitur) nicht den juristischen Erfordernissen gemäß § 128 NSchG (2).
      Das ist insofern nicht verwunderlich, da die Grundkonzeption beider Unterrichtsfächer zu unterschiedlich ist.

Entsprechend der gesetzlichen Vorgabe (§ 128 NSchG (2): "Im Fach Werte und Normen sind religionskundliche Kenntnisse, das Verständnis für die in der Gesellschaft wirksamen Wertvorstellungen und Normen und der Zugang zu philosophischen, weltanschaulichen und religiösen Fragen zu vermitteln,") müssen sich in aller Deutlichkeit drei Bezugswissenschaften, nämlich Religionswissenschaft, Gesellschaftswissenschaften und Philosophie, in den EPA wiederspiegeln. Das ist jedoch nicht der Fall.

Begründet durch den Staatsvertrag zwischen dem Land Niedersachsen und den Freireligiösen Gemeinden Niedersachsen, heute Humanistischer Verband Nds., wurde 1970 das Fach Religionskunde eingeführt, das mit dem 1974 eingeführten Fach Werte und Normen 1993 unter dem Namen Werte und Normen zusammengelegt wurde. Das bedeutet, dass in Niedersachsen eine andere Rechtslage vorherrscht als in den anderen Bundesländern, die insbesondere die starke Position der Religionskunde bzw. Religionswissenschaft betrifft.

    1. Die Bundes-EPA Ethik entsprechen auch inhaltlich nicht den Rahmenrichtlinien des Faches Werte und Normen der Sek I und der Sek II.

So ist gemäß § 128 NSchG (2) der Philosophische Bezug auf lediglich "den Zugang zu philosophischen und weltanschaulichen Fragen" beschränkt. Entsprechend heißt es dort unter Gesellschaftlicher Bezug (RRL Sek II, S. 6): "Der Unterricht im Fach Werte und Normen soll zum Verständnis der in der Gesellschaft wirksamen Wertvorstellungen und Normen beitragen. Dies verlangt neben der philosophischen Reflexion auch empirische und historische Betrachtungen."
Auch dies wird unzureichend in den Sach- und Methodenkompetenzen und in den Prüfungsbeispielen aufgeführt.

Gleiches gilt in besonderer Weise für den Religionswissenschaftlichen Bezug (§ 128 NSchG und RRL Sek II, S. 5f). Unmissverständlich heißt es dort: "Der Unterricht im Fach Werte und Normen soll religionskundliche Kenntnisse vermitteln... Die Schülerinnen und Schüler sind mit Weltanschauungen und Religionen und deren Wirkungsweise in Vergangenheit und Gegenwart bekannt zu machen. Sie sollen Kenntnisse über das Leben von Völkern und einzelnen Menschen beeinflussende Weltanschauungen und Religionen erhalten und weltanschauliche und religiöse Orientierungsmöglichkeiten kennen- und unterscheiden lernen. Der kulturelle Erfahrungsraum von Schülerinnen und Schülern, weltanschauliche sowie auch religiöse Daseinsentwürfe sind in den Unterricht einzubeziehen. Die christlich-abendländischen Traditionen spielen hierbei insofern eine größere Rolle, als sie seit Jahrhunderten die Wertvorstellungen, Normen und ethischen Grundsätze der hier lebenden Menschen geprägt haben und noch prägen..." Es fehlen das Aufzeigen kulturgeschichtlicher Zusammenhänge, das Transparentmachen religionsgeschichtlicher Hintergründe und philologische und sozio-empirische Untersuchungen ebenso wie die ethischen Gemeinsamkeiten der Weltreligionen, das Weltethos. Das Bewusstsein der Existenz des Weltethos gehört heute zum Basiswissen für interkulturelle und interreligiöse Verständigung und zum Thema Ethik überhaupt. Zu berücksichtigen ist, dass Religionen als Randthemen zu behandeln nicht der Weltwirklichkeit entspricht. Der Umgang mit Religionen und Weltanschauungen als Randthemen bereitet die Sch. nicht auf die globale Welt vor, in der sie leben. Er ignoriert, dass Milliarden Menschen dieser Welt anders denken als sie. Das Wissen um die innere Logik dieser Denkweisen ist zu vermitteln. Aufgabe von Schule ist es, die Sch. kommunikationsfähig zu machen. (§ 2) Wie stark Religionen als politische, gesellschaftliche und soziale Faktoren eingesetzt werden, erfahren die Sch. täglich in den Nachrichten. Sie müssen befähigt werden, bestimmte Strukturen zu durchschauen.

Der Fachverband Werte und Normen schließt sich der Position der Vereinigung der Religionswissenschaftler in seiner Kritik am Anteil Religionswissenschaft am Ethik-Unterricht an. (Siehe Anlage)

Die Forschungsmethoden der Religionswissenschaft (historisch, philologisch, sozio-empirisch) sind einzubeziehen.

Alle Ethikfächer in der Bundesrepublik zielen auf den Erwerb von personaler, sozialer, ethischer, interkultureller und religionskundlicher Kompetenz. Zur Sicherung dieses breiten Kompetenzspektrums müssen die Sozialwissenschaften, die Philosophie und die Religionswissenschaft gleichermaßen interdisziplinär kooperieren. Die Schwerpunktsetzung auf die Philosophie ist in Zeiten der Globalisierung ein Anachronismus.

Alles dies bleibt in den vorliegenden EPA-Ethik unberücksichtigt, ebenso die entsprechenden Ziele des Faches Werte und Normen (RRL Sek II, S. 9) wie z.B.

      • "Einsicht in die tragenden Wertvorstellungen und Normen einer menschenwürdigen Gesellschaft sowie in die ihr entsprechenden ethischen Grundsätze und religiösen Vorstellungen" und
      • "Kenntnis der kulturellen, geistigen und religiösen Bedingungen und Grundlagen der westlichen Gesellschaftsordnungen, Verstehen der diese Gesellschaftsordnungen prägenden Religionen und geistigen Traditionen als Wert- und Sinnträger, Kennenlernen anderer Lebensordnungen einschließlich ihrer kulturellen und religiösen Voraussetzungen zur Erweiterung der eigenen Wahrnehmungsfähigkeit."

Die vorliegenden EPA lassen auch die Leitprobleme gesellschaftlich-globaler Art (RRL Sek II, S. 10) überwiegend unberücksichtigt, als da u.a. sind:

      • Friedensstiftung und Friedenserhaltung
      • Abbau globaler und innergesellschaftlicher Ungleichheiten
      • Gestaltung des Verhältnisses der Geschlechter und der Generationen
      • Legitimation politischer Herrschaft.

So heißt es in RRL Sek II, S. 13 Abs. 3: "Der Unterricht im Fach Werte und Normen befasst sich mit der ethischen und moralischen Dimension von Völkerverständigung und Friedenssicherung. Dazu gehört zum einen die Thematisierung der hierfür notwendigen Dispositionen oder Tugenden in jedem einzelnen Menschen. Zum anderen sind die Lehren der Religionen sowie die Konzepte der Philosophie und der Sozialwissenschaften auf ihren je spezifischen Beitrag zum friedlichen Zusammenleben der Menschen und Staaten zu befragen." Weiter heißt es im Abs. 6: "Der Unterricht im Fach Werte und Normen setzt sich mit der Frage der gerechten Weltordnung wie auch der gerechten Sozial- und Wirtschaftsordnung im eigenen Land auseinander. Er reflektiert über die Lehren der Religionen und Weltanschauungen im Hinblick auf ihre Aussagen zum Postulat rechtlicher und sozialer Gleichheit."

Prüfungsaufgaben mit dem Thema "Freiheit, Verantwortung, Gerechtigkeit" müssten nach den juristischen und inhaltlichen Vorgaben des Unterrichtsfaches Werte und Normen ausgeweitet werden auf religionskundliche/religionswissenschaftliche und gesellschaftswissenschaftliche Kenntnisse. Z.B. muss demnach gefragt werden: Welche Positionen vertreten die Weltreligionen hinsichtlich dieser Werte und wie werden sie jeweils begründet? Das Gleiche gilt für die Themen "Forschung an Embryonen", "Glückbegriff" u.a. Auch hier ist die Frage nach der jeweiligen Position der Weltreligionen und gesellschaftswissenschaftliche Betrachtungsweise unverzichtbar.

Der Unterschied der beiden Fächer wird u.a. deutlich in der Fachpräambel. "Der Ethikunterricht", so heißt es in den EPA S. 5, 2. Abs., "bezieht seine Gegenstände zum einen aus Problemstellungen der klassischen Ethik bzw. Moralphilosophie." Das trifft für das Fach Werte und Normen in dieser Deutlichkeit nicht zu. Ebenso wenig treffend für Werte und Normen ist der folgende Satz: "Er stellt damit Orientierungswissen zu grundlegenden Positionen der philosophischen Ethik aus Vergangenheit und Gegenwart bereit." Eine ethische Orientierung am Leitbild der Menschenrechte und des Grundgesetzes gemäß § 128 NSchG (2) ist nur marginal vorhanden und müsste stärker betont werden. So reicht es für das Fach Werte und Normen nicht aus, sich z.B. gemäß EPA S. 7, "mit fremden Denk- und Lebensmustern respektvoll auseinander zu setzen", wenn die Grund- und Menschenrechte hier nicht in aller Deutlichkeit als ethische Grundlage und Ausgangspunkt herangezogen werden. Als Beispiel ließe sich das Thema "Beschneidung von Mädchen" aufführen, das gemäß Grundgesetz keinen Freiraum für Toleranz und Respekt zulässt.

Das Fach Ethik geht in der Regel einseitig von der altgriechischen (z.B. Aristoteles) Philosophie aus und beschränkt sich überwiegend auf deutsche bzw. europäische Philosophen. Es vermittelt den Schülerinnen und Schülern ein einseitiges und unrealistisches Menschen- und Weltbild, das nicht die plurale Gesellschaft wiederspiegelt. Hier wird den Schülerinnen und Schülern eine monokulturelle Scheingesellschaft suggeriert, die als wirklichkeitsfremd bezeichnet werden muss. Das Menschenbild, das hier vorgestellt wird, entspricht nicht dem Erziehungs- und Bildungsauftrag (NSchG § 2). Dass andere Kulturen (die arabische, persische, indische, chinesische u.a.) auch beachtenswerte Philosophen hervorgebracht haben, bleibt unberücksichtigt. Angesichts der Globalisierung und der aktuellen Schwierigkeiten pluralen Zusammenlebens muss die Ignorierung der interkulturellen Philosophie als nicht zeitgemäß, unverständlich und unverantwortlich bezeichnet werden.

Die Heranwachsenden müssen jedoch begreifen, dass die Selbstverständlichkeit ihrer Sichtweise auf manche Dinge nicht universal ist. Sie müssen lernen, dass Milliarden von Menschen anders denken als sie und diese Andersartigkeit ihre eigene in sich logische Begründung hat. Das Unterrichtsfach Werte und Normen ermöglicht den Schülerinnen und Schülern dank seiner juristischen, inhaltlichen und didaktischen Vorgaben dieses Ziel zu erreichen.

Mit der Globalisierung wächst auch die Herausforderung interkultureller und interreligiöser Dialogkompetenz. Interkulturelle und interreligiöse Dialogkompetenz gilt als die Schlüsselkompetenz unseres Jahrhunderts. Das Unterrichtsfach Werte und Normen ermöglicht – im Gegensatz zu den meisten Ethikfächern anderer Bundesländer – dank seiner deutlich ausgewiesener Bezugswissenschaften den Schülerinnen und Schülern diese Kompetenzen zu erwerben.
Die Standards, die sich aus den Vorgaben des Unterrichts Werte und Normen ableiten lassen, sind:
Internationale und interreligiöse Verflechtungen begreifen, historische Entwicklungen erarbeiten und Folgerungen daraus ziehen, Perspektivenwechsel vollziehen, Verantwortung individueller und globaler Art bewusst machen, Lösungsstrategien und Handlungskompetenzen entwickeln...

Zusammengefasst:

Die EPA-Ethik können in dieser Form für den Unterricht Werte und Normen nicht übernommen werden. Wir empfehlen dringend für das Unterrichtsfach Werte und Normen eigene EPA zu entwickeln, deren Raster sich an den der EPA-Ethik durchaus orientieren können.

Kompetente Mitglieder des Fachverbandes werden gern bereit sein an ihrer Ausarbeitung mitzuwirken. Ferner sind wir gern zu Gesprächen bereit.

Das Unterrichtsfach Werte und Normen ist aufgrund seiner inhaltlichen und didaktischen Konzeption in der Lage die Schlüsselqualifikation des 21. Jahrhunderts – nämlich interkulturelle Dialogkompetenz zu vermitteln. Damit nimmt das niedersächsische Unterrichtsfach eine Vorbildfunktion und somit eine Vorreiterrolle unter den Ethikfächern ein.

Sollte das Nds. MK die ablehnenden Stellungnahme des Fachverbandes Werte und Normen ignorieren und zu dem Entschluss kommen die Bundes-EPA für das Fach Werte und Normen in der vorliegenden Form zu übernehmen, wird das zweifellos die Öffentlichkeit interessieren, aus welchen Gründen das MK die interkulturelle und interreligiöse Bildung der Heranwachsenden verhindern will.

Dr. phil. Christel Hasselmann
Vorsitzende des Fachverbandes Werte und Normen in Niedersachsen e.V.
Mitglied der Nds. Rahmenrichtlinien-Kommission Werte und Normen